Warum ein Kindernotfallkurs für die Arbeit mit Kindern so wichtig ist – Ein Sanitäter erzählt

EWI: Herr Rauch, wie unterscheidet sich denn Erste Hilfe am Kind von Erster Hilfe am Erwachsenen?

Rauch: Da gibt es große Unterschiede. Denn Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie haben ganz andere Verletzungsmuster und nehmen Schmerzen häufig anders wahr. Dazu können sie Dinge oft nicht klar artikulieren. Von künftigen KindergartenassistentInnen ist daher viel zwischenmenschliches Gespür gefordert. Man braucht eine gute Beobachtungsgabe, um einen Notfall überhaupt zu erkennen. Wenn Kinder etwas verschlucken oder einatmen, bekommt man das nicht zwangsläufig sofort mit. Als Erwachsener geht man zwar davon aus, dass ein Kind auf sich aufmerksam macht, wenn es keine Luft bekommt. Aber es gibt auch Kinder, die still in der Ecke sitzen und gar nichts sagen, weil sie sich zu sehr schämen, um nach Hilfe zu fragen. Kritisch ist es vor allem, wenn es sich bei dem verschluckten Gegenstand um etwas handelt, was das Kind eigentlich gar nicht anfassen oder in den Mund nehmen durfte.  

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Kevin Rauch ist Rettungssanitäter und Kindernotfallsanitäter beim Samariterbund. Sein Esel „Pedro“ fährt bei jedem Einsatz, um den Kindern die Angst zu nehmen.

EWI: Was gibt es noch für Situationen, die Erwachsenen oft nicht richtig erkennen oder falsch interpretieren?

R: Wenn ein Kind zu ertrinken droht, wird das in vielen Fällen erst spät oder leider auch zu spät erkannt. In Film und Fernsehen schreien ertrinkende Kinder meist und strecken die Hände in die Höhe. Das entspricht leider überhaupt nicht der Realität. Denn Kinder sind kleine Kämpfer. Die schwimmen, bis sie am Ende ihrer Kräfte sind, um dann leise unterzugehen wie ein Stein. In meinen Kindernotfallkursen sind die erwachsenen Pädagogen meist sehr überrascht, wenn ich das erzähle. Den Satz: „Ich dachte, das wäre anders“ habe ich schon sehr häufig gehört. 

EWI: Werden Kinder auch oft nicht ernst genommen, selbst wenn sie über Schmerzen klagen?

R: Das passiert natürlich auch und ist verständlich. Denn Kinder sagen manchmal viel, um Aufmerksamkeit zu bekommen. „Ich habe Bauchschmerzen“ kann oft auch einfach nur bedeuten, dass das Kind ein bisschen gestreichelt werden möchte. Kinder richtig einzuschätzen kann man leider auch nicht von jetzt auf gleich in einem Kurs lernen. Das kommt erst mit langjähriger Berufserfahrung. Deshalb rate ich gerade BerufsanfängerInnen immer, lieber einmal zu viel als zu wenig den Notruf zu alarmieren. Wenn sich dann doch herausstellt, dass ein Kind nur simuliert hat, ist das nicht so schlimm. Wir kommen auch einfach so gerne in den Kindergarten, blasen mit den Kindern zusammen ein paar Luftballons auf und erzählen von unserer Arbeit. Dann haben zumindest schon mal alle – Kinder wie Erwachsene – erlebt, wie es ist, wenn der Rettungsdienst in den Kindergarten kommt und sind bei einem richtigen Notfall weniger angespannt. Denn in unseren Uniformen sehen wir schließlich aus, wie von einem anderen Planeten und alles was neu ist, macht erstmal Angst.

Es gibt übrigens auch Kindergärten, die dafür extra Themenwochen einplanen und den Rettungsdienst in den Kindergarten einladen. Oder die Kinder kommen zu uns und gucken sich die Rettungsstation und das Rettungsfahrzeug an. Da ist immer besonders spannend.

EWI: Was kann das Personal im Kindergarten denn präventiv tun, um echte Notfälle zu vermeiden?

R: Wichtig ist, dass man sich zuerst einmal klar macht, dass Kinder Geschwindigkeiten, Temperaturen und Höhen nicht richtig einschätzen können. Es kann also schon mal passieren, dass ein Kind auf einen Baum klettert, ruckzuck auf vier Metern Höhe ist, plötzlich runterschaut und anfängt zu brüllen – und die Assistentin, die unten steht ebenfalls. Eine gute präventive Maßnahme besteht darin, einfach mal die Perspektive zu wechseln und als Kind zu denken. So kann man zum Beispiel durch die Räumlichkeiten des Kindergartens gehen und überlegen, wo man sich als Kind hier überall weh tun könnte. Dabei geht es dann aber nicht darum, dass im Anschluss jede Tischkante abgeklebt und jeder Legostein, an dem sich ein Kind verschlucken könnte, weggeräumt wird. Kinder sind viel kreativer als Erwachsene und kommen auf die absurdesten Ideen. Unfälle wird es immer geben. Bei der Prävention geht es darum, auf Ernstfälle vorbereitet zu sein und die Kinder so früh wie möglich mit Gefahren vertraut zu machen.

EWI: Wie geht man dabei am besten vor und ab wann können Kinder lernen, Gefahren richtig einzuschätzen?

R: Erst ab vier Jahren fangen Kinder ganz langsam an, zu verstehen, was für sie richtig oder falsch ist. Das sollte man so gut es geht fördern ohne dabei den Kindern zu viel Angst zu machen. Denn am besten, sie lernen Gefahren in einer sicheren Umgebung kennen, anstatt bei einem richtigen Unfall. Die pädagogische Kunst besteht dann darin, die Kindern mit möglichen Risiken vertraut zu machen. Dabei muss man davon weg, die Kinder zu sehr zu beschützen. Ein Kind darf sich auch mal weh tun. Das gehört zum Lernprozess dazu. Ein Helm beim Fahrrad oder Roller fahren schadet allerdings nie und ist immer eine gute Präventionsmaßnahme.

EWI: Was genau passiert denn in einem Kindernotfallkurs? Was lernen angehende PädagogInnen bei Ihnen?

R: Die Kurse beim Samariterbund sind generell sehr praxisorientiert. Wir arbeiten mit Puppen, Szenario-Training und Fallbeispielen und kreieren so unter sicheren Umständen einen Notfall. So fordern und fördern wir unsere TeilnehmerInnen. Dabei darf auch gelacht werden und insgesamt haben wir immer viel Spaß in den Kursen. Denn es ist total wichtig, etwas, vor dem man eigentlich Angst hat, in lockerer Atmosphäre zu erleben. Dadurch ist man im Ernstfall dann entspannter. Das absolute Worst-Case-Szenario, die Reanimation, wird in unseren Kindernotfallkurses deshalb mit Musik trainiert. Das Kinderlied Pippi-Langstrumpf passt zum Beispiel super, um Takt und Geschwindigkeit bei der Reanimation zu halten und ist im Ernstfall eine super Eselsbrücke. Denn das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass sich der oder die KindergartenassistentIn in der Notsituation nicht erinnert. Wenn Pippi Langstrumpf dabei helfen kann, ist das eine super Sache. 

Das allerwichtigste, was unsere TeilnehmerInnen lernen, ist im Ernstfall einen klaren Kopf zu bewahren. Denn wenn es um ein fremdes Kind geht, für das man die Aufsichtspflicht trägt, kann man schon mal in Panik geraten. Das ist dann ein Teufelskreis, denn das Kind orientiert sich am Verhalten des Erwachsenen, der es in der Notsituation ja eigentlich beruhigen sollte. Unwissenheit macht Angst und die möchten wir in unseren Kursen durch gute Vorbereitung nehmen.  

EWI: Ist die Teilnahme an einem Kindernotfallkurs für angehende KindergartenassistentInnen gesetzlich verpflichtend?

R: Vom Gesetzgeber her muss eigentlich nur ein 16-Stunden Erste-Hilfe-Kurs absolviert werden. Es ist meiner Meinung nach sicher nicht verkehrt, auch was über Erste Hilfe bei Erwachsenen zu lernen. Aber ich kann jedem, der beruflich oder privat mit Kindern zu tun hat, einen speziellen Kindernotfallkurs nur wärmstens ans Herz legen. Auch für Babysitter und für Eltern selbst ist das total sinnvoll. Eigentlich ist es erschreckend, dass es für Eltern so viele verpflichtende Kinderarztbesuche gibt, ein Kindernotfallkurs aber nicht gesetzlich verankert ist. So etwas kann übrigens auch ein tolles Geschenk sein. Der Samariterbund bietet zum Beispiel auch Kurse an, die privat im eigenen Wohnzimmer stattfinden können. 

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