Interview: Generation Corona – Lasst die jungen Menschen nicht im Stich

Interview: Generation Corona – Lasst die jungen Menschen nicht im Stich

EWI: Werden junge Menschen in der Krise von der Politik derzeit vergessen?

Hanke: Betrachtet man ganz Österreich und die gesamte öffentlichen Debatte, dann würde ich schon sagen, dass die Gruppe vergessen worden ist. Ganz oft ist die Perspektive sehr einseitig. Es heißt, die jungen Menschen würden nur Party machen und sollten sich mal zusammenreißen. Was aber ganz klar fehlt und wichtig wäre, für diese Corona-Generation, ist das Versprechen: Wir lassen euch nicht fallen und wir lassen keinen Jugendlichen im Stich. Da fehlt mir ganz klar bundesweit die bewusste Ansprache und auch das Verstehen, dass es junge Menschen noch einmal anders trifft als eben die Erwachsenen.  

EWI: Wer ist innerhalb der jungen Gruppe denn besonders stark betroffen? 

Hanke: Eigentlich geht es quer durch alle Bildungsgrade durch. Wir sehen, dass diejenigen, die eine Lehrstelle suchen, Schwierigkeiten haben, eine zu finden. Wir sehen, dass SchülerInnen und auch junge Menschen mit einer akademischen Ausbildung, keinen Praktikumsplatz finden und sich der Berufseinstieg trotz eines akademischen Abschlusses schwieriger gestaltet. Viele junge Menschen, die in einem Arbeitsverhältnis waren, wurde im Betrieb als erstes gekündigt, sodass auch gut Ausgebildete in eine Arbeitslosigkeit abgerutscht sind. 

Was man natürlich auch sieht ist, dass die Schere, also die soziale Ungleichheit, noch weiter auseinander geht. Wer mehr Backup, zum Beispiel durch ein ökonomisch besser gestelltes Elternhaus hat, erlebt die Existenzbedrohung nicht ganz so akut. Diese Gruppe hat Zuhause in der Regel auch genug Platz, Privatsphäre und die technische Infrastruktur, um besser mit der Situation umzugehen. 

EWI: Was hat es für langfristige Folgen, wenn sich bei jungen Menschen der Berufseinstieg verzögert bzw. die erste Phase des Berufslebens von Arbeitslosigkeit und Frust durch abgelehnte Bewerbungen geprägt ist?

Hanke: Einerseits wissen wir, dass es sich massiv auf die weitere Laufbahn auswirkt, wenn Menschen schon früh mit Arbeitslosigkeit konfrontiert sind. Damit steigt das Risiko, auch später immer wieder davon betroffen zu sein oder in schlecht bezahlen Jobs zu landen. Das wussten wir auch schon vor Corona. Jetzt kommt dazu noch die grundsätzliche Belastung durch Lockdowns und Ausgangssperren. Soziale Isolation wirkt sich gerade bei jungen Menschen stark auf die Entwicklung aus. Dadurch werden Frustrationen, Druck und Existenzängste noch verstärkt. Aus mehreren, auch europaweiten Studien, wissen wir, dass junge Erwachsene sehr viel stärker von psychischer Belastung durch Corona betroffen sind, als die Gruppe der über 30-Jährigen. 

EWI: Dabei trägt die jüngere Generation ja häufig noch weniger Verantwortung, als Menschen mittleren Alters, die zum Beispiel ihre Familien ernähren müssen. Warum ist der Druck bei den Jüngeren trotzdem höher?

Hanke: Freunde treffen, mobil sein, all das, was im Lockdown nicht möglich ist, ist entwicklungspsychologisch für junge Menschen extrem wichtig. Auch die Bedeutung von Subkultur und Clubs darf hier nicht unterschätzt werden. Erwachsene sind in ihrer Identität und ihrer Entwicklung gefestigter und können daher mit Krisen besser umgehen. Junge Menschen, die zum Beispiel gerade erst von Zuhause ausgezogen sind und ohne stabiles, gefestigtes Netzwerk in einer neuen Stadt leben, trifft es häufig viel härter. Wenn dann noch die Unsicherheit dazu kommt, ob man seine Ausbildung weiterführen oder seinen Job behalten kann, wächst der psychische Druck enorm. 

EWI: Junge Menschen müssen derzeit auf viele wichtige Erfahrungen verzichten: Abschlussfeiern, Auslandsaufenthalte nach der Schule oder Auslandssemester mussten abgesagt werden. Sind diese besonderen Erfahrungen für die Generation-Corona verloren?

Hanke: Die Jahrgänge, deren Ausbildungsweg mitten in die Corona Zeit fällt, sollten schon die Möglichkeiten haben, viele Dinge nachzuholen. Es wird Aufgabe der Politik sein, Zuversicht zu vermitteln und zu sagen: Wir sehen, dass vieles weggefallen ist aber wir werden alles dafür tun, dass ihr das irgendwann noch machen könnt. Ob es dasselbe ist, wenn man schon älter ist, ist dann eine andere, sehr individuelle Sache. Wichtig ist, dass die Politik zunächst einmal anerkennt, wie wichtig solche Erfahrungen sind. 

EWI: Was muss die Politik sonst noch tun, damit in Österreich keine „Lost Generation“, also keine verlorene Generation, entsteht?

Hanke: Es braucht konkrete Maßnahmen, um sicher zu gehen, dass wir die jungen Menschen in der Krise unterstützen können. Wir, also die Stadt Wien, haben da recht schnell reagiert. Zum einen haben wir bereits im Sommer sieben Millionen Euro für die Qualifizierung von jungen Arbeitslosen bereitgestellt. Weitere zehn Millionen Euro wurden zusätzlich für die überbetriebliche Lehrausbildung beschlossen. Die Zahl der Lehrstellen, die wir selber anbieten, haben wir verdoppelt. 

Darüber hinaus hat Wien Projekte für Ausbildungsverbünde gestartet. Es geht darum, die Betriebe zu unterstützten, damit in der Wirtschaftskrise mehr oder überhaupt Lehrlinge ausbildet werden können. Wenn ein Betrieb zum Beispiel nicht für die gesamte Ausbildung aufkommen kann, weil unterschiedliche Dinge gefragt sind, können so Lehrlinge im Verbund ausgebildet werden. Denn die überbetriebliche Ausbildung kann unmöglich alles abfangen. Es ist wichtig, dass auch in den Betrieben direkt ausgebildet wird. Denn dort werden die Fachkräfte schließlich später gebraucht.

EWI: Wie bewerten Sie denn die bisherige Performance der Bundesregierung?

Hanke: Von Seiten der Bundesregierung aus würde ich mir da ehrlicherweise mehr an konkreten Paketen erwarten. Es fehlt bundesweit weiterhin an Lehrstelle und an Praktikumsplätzen. Das ist eine Aufgabe, die sich langfristig nicht von selbst erledigen wird. Die Politik muss sich überlegen, wie all die jungen Menschen mit berechtigten Existenzängsten gut unterstützt werden können. Ein großer Nachteil ist, dass die vorhergegangene Bundesregierung aus SPÖ und ÖVP massiv in dem Bereich Jugendausbildung gekürzt hat. “ Das war die Regierung ÖVP und FPÖ. Dabei wird gerade jetzt dringend Geld gebraucht, um Lehrstellen im öffentlichen Dienst aufzustocken und um Gemeinden und Städte zu unterstützten, damit auch sie mehr Lehrstellen anbieten können. Es muss auch genug Mittel für offene Jugendarbeit geben, die Jugendlichen im Alltag beratend zur Seite steht. Es gibt viele Methoden, die man bundesweit einsetzen könnte. Doch da wird definitiv nicht genug gemacht. Dabei werden wir langfristig davon profitieren, wenn wir jetzt mehr Geld in die Hand nehmen, als Bund aber auch in Kooperation mit den Ländern. Denn dann haben wir junge Leute, denen es gut geht und die gut ausgebildet sind und in den Arbeitsmarkt einsteigen können, wenn die Zeiten wieder besser sind.

EWI: Wie kommt das AMS seiner Verantwortung nach? Könnten da auch noch mehr passieren?

Hanke: Letztendlich können die auch nur mit den Mitteln arbeiten, die sie zur Verfügung gestellte bekommen. Was ich für das AMS Wien sagen kann ist, dass da die Zusammenarbeit wirklich gut läuft. Wir haben in Wien auch schon vor Corona einen neuen Standort geschaffen, der speziell mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 15-25 arbeitet. Dort kommen alle Träger aus dem Bereich Arbeitsmarktintegration von jungen Leuten zusammen. 

EWI: Von der Krise ist ganz Europa betroffen. Wie steht Österreich Ihrer Meinung nach im Vergleich da?

Hanke: Die Jugendarbeitslosigkeit ist in ganz Europa angestiegen. Was man mit Blick auf vergangene Krisen sagen kann, ist, dass Österreich zumindest eine gute Basis hat. Denn als 2008 in Spanien, Italien oder Griechenland die Jugendarbeitslosigkeit stieg, hat Österreich schnell gehandelt. Davon profitieren wir noch heute: Es gibt ein System der überbetrieblichen Lehrausbildung, ein breites Netz an AkteurInnen und eine Ausbildungspflicht bis 18. Nichtsdestotrotz ist es jetzt an der Zeit, da noch etwas drauf zu setzen. Das heißt, die überbetriebliche Lehre noch weiter ausbauen und noch besser als eine Ausbildungspflicht wäre eine Ausbildungsgarantie. Das ist es, wo wir drauf hinarbeiten müssen: Dass alle jungen Menschen, die eine Ausbildung suchen, auch eine reale Chance haben, eine zu bekommen. 

EWI: Was können junge Menschen, die derzeit keinen Ausbildungsplatz finden, denn selbst tun? Hartnäckig bleiben, weiter bewerben oder auf Weiterbildung setzen?

Hanke: Wenn die Jugendlichen sich weiterbilden möchten und es auch die Ressourcen dafür gibt, dann ist das eine gute Sache. Ich tue mich allerdings schwer damit, den jungen Menschen zu sagen: Macht halt mal und tut halt mal. Vor allem, wenn wir uns anschauen, wie die soziale Ungerechtigkeit derzeit auseinander geht. Da sind wir dann ganz schnell an einem Punkt, wo wir die Verantwortung ziemlich individuell an die jungen Leute abgeben. Und das ist etwas, was man denen angesichts der Situation nicht aufladen kann. Da steht die Gesellschaft als Ganze in der Verantwortung.

Was ich den jungen Menschen allerdings rate ist, sich Hilfe zu holen. In Wien gibt es viele gute Angebote, an die man sich wenden kann, wenn es einem nicht gut geht. Da wäre zum Beispiel die Kümmer Nummer für Lehre und Beruf“des WAFF (Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfond) oder die Corona-Sorgenhotline der Stadt Wien. Ein gezieltes Angebot für 15- bis 25-Jährige wurde auch in Kooperation mit dem AMS Wien und MA40 geschaffen.

EWI: Ein Blick in die Zukunft und auf eine Zeit nach Corona: Können Sie sich ein Worst-Case- und ein Best-Case-Szenario ausmalen?

Hanke: In Krisen und auch nach einer überstandenen Krise ist es schon häufig vorgekommen, dass gesagt wurde, jetzt müssen wir radikal einsparen. Das wäre mein absoluter Worst-Case. Vor allem, wenn die Einsparungen die staatliche Gesundheitsvorsorge treffen und Angebote wie die überbetriebliche Lehre, von denen wir wissen, wie dringend sie gerade gebraucht werden. Damit würde man junge Menschen ihrer Chance berauben, in einer stabilen Situation aufzuwachsen. 

Umgekehrt wäre es natürlich toll, wenn das Corona-Virus eines Tages unter Kontrolle ist und dann trotzdem nicht vergessen wird, dass wir diese Generation haben, die auch in den nächsten Jahren noch mehr Ausbildungs- und Weiterbildungsangebote sowie spezielle Begleitung und Beratung benötigen wird. Ich hoffe, dass man aus der Krise lernen wird und auf Angebote setzt, damit wir ein stabiles System haben, das auch in künftigen Krisen junge Leute gut absichert und betreut. 

EWI: Vielen Dank für das Gespräch!

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